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31.07.2011

Ein Zeltlager zieht um

von Björn Bores und Gabriel Bücherl

Die Stimmung ist gedämpft bei den Organisatoren. „Seit Dienstag sind wir hier, hatten wunderbares Wetter beim Aufbau und nun das!“, schimpft Judith, 25 Jahre, Leiterin des sechsköpfigen Küchenteams. Heute Morgen hat es angefangen zu regnen und trotz einer positiven Wetterprognose scheint es mit dem Wasser kein Ende zu nehmen. Und der Zeltplatz an der Skischanze in Warmensteinach ist doch nicht so geeignet wie anfangs gedacht, da das Wasser nicht gut abläuft. Die Gefahr, dass die Zelte unbewohnbar werden, wird immer größer.

Den Kindern zwischen 6 und 16 Jahren scheint das alles nichts auszumachen. Sie freuen sich auf eine Woche Zeltlager und Ferienspaß mit dem Münchner Roten Kreuz. Seit zwei Stunden trudeln sie in Warmensteinach in Oberfranken ein. Mit dem Reise- oder Kleinbus oder auch von den Eltern gebracht. Für diejenigen, die mit dem Zug kommen, haben die Rotkreuzler sogar extra ein Shuttle eingerichtet.

Anreise im Regen

Auch das hat Tradition. Denn schon zum elften Mal veranstaltet Christoph Breitfeld, 36-jähriger Kundenbetreuer für Nutzfahrzeuge und seit mehr als 15 Jahren ehrenamtlicher Rotkreuzler, nun das Jugendzeltlager. Das Gemeinschaftsgefühl und der Spaß stehen dabei für ihn an erster Stelle. „Begonnen hat alles eigentlich als Ausflug unserer Rotkreuzjugend in Unterschleißheim. Wir fuhren mit dem Rad an der Altmühl entlang“, schwärmt Christoph, „aber jeden Tag Zelte abbauen, fahren und Zeltaufbauen war für das Betreuerteam extrem anstrengend. Da habe ich mir gesagt, ‚so was mache ich nie wieder!‘ Und deshalb fahren wir seitdem jedes Jahr an einen festen Platz“. Der Veranstaltungsort hat über die Jahre ebenso gewechselt wie Teile des Organisationsteams.

Unzählige Stunden Vorbereitung

Auch die Teilnehmergruppe ist gewachsen. Bei knapp über 100 Kindern und fast 50 Betreuern, Helfern und Organisatoren im Hintergrund hat sich die Teilnehmerzahl nun eingependelt. Mehr wird logistisch schwierig. Schließlich sind auch so schon etliche Helfer seit fünf Tagen beschäftigt, die 16 Großzelte, Duschcontainer und Toiletten aufzubauen, Beleuchtung, Strom- und Wasserversorgung und die Feuerlöscher vorzubereiten, damit aus einem Skisportgelände ein Zeltplatz wird. Alles natürlich rein ehrenamtlich. Bis alles wieder abgebaut und verstaut ist, werden Organisatoren und Helfer zwei Wochen ihres Urlaubs für das Zeltlagerprojekt verwendet haben.

Hinzu kommen die ungezählten Stunden für Planung, Materialsuche, Personalplanung, Suche des Veranstaltungsorts, Programmgestaltung, Anmelde- und Buchungsprozess und viele andere Hintergrundprozesse. „Auch die Finanzierung ist jedes Jahr wieder spannend“, lacht Christoph. „Außer den Teilnehmerbeiträgen und einigen wenigen Spendern haben wir eigentlich keine Mittel für das Zeltlager. Und die Beiträge wollen wir so niedrig wie möglich halten, damit auch Kinder aus sozial schwächeren Familien sich die Freizeit leisten können. Deshalb bezahlen sogar die ehrenamtlichen Helfer und Gruppenbetreuer einen Obulus für Verpflegung und Eintritte.“

Das Motto dieses Jahr ist Mittelalter. Da darf die Lagerfahne nicht fehlen

Aber jetzt hat Christoph andere Sorgen. Die Organisatoren haben entschieden, dass die Kinder nicht in den Zelten schlafen sollen, damit nicht schon am ersten Tag die Sachen nass und die Stimmung schlecht ist. Gut, dass Martin Höhne (48) vom örtlichen Roten Kreuz sofort den Kontakt zur Gemeinde aufnimmt und somit die Sport- und Festhalle von Warmensteinach zur Verfügung steht. „Ehrensache, dass die Bereitschaft Warmensteinach die Rotkreuzkollegen aus München nicht hängen lässt, wenn es drauf ankommt“ sagt Martin und lobt gleich noch die Planung und das strukturierte Vorgehen der Organisatoren.

Der Umzug gibt Gelegenheit, die Zelte zusätzlich noch mit Spezialfolie auszulegen, die zwei Helfer gerade besorgen. Und schließlich soll das Wetter ja besser werden. „Improvisation ist hier alles. Aber das sind wir als Rotkreuzler ja gewohnt. Du lernst jedes Jahr dazu.“, kommentiert Christoph die spontane Evakuierungsübung.

Als er in der Zeltlagerbesprechung ankündigt, dass nun das Spiel „Wir ziehen ein Zeltlager um“ stattfindet, fühlen sich viele Kinder an das letzte Jahr erinnert. Auch da musste das Zeltlager wegen des Wetters in einen Festbau ausweichen. Allerdings erst gegen Ende der Woche.

Mit Kleinbussen werden die Kinder zur Tunrhalle gefahren. Martin Höhne (rechts) vom hiesigen Roten Kreuz hat alles im Griff.

„Wir fangen dieses Jahr da an, wo wir letztes Mal aufgehört haben“, sagt Kerstin (27). Sie ist zum zweiten Mal dabei. Als Kreisbereitschaftsjugendwartin des Münchner Roten Kreuzes für sie keine Frage. Sie hat, genauso wie ihr Stellvertreter Michael, für die gesamte Zeit Urlaub genommen. „Nun muss ich das mühsam erstellte Programm umschmeißen. Ich habe keine Ahnung, wie morgen das Frühstück ablaufen soll.“ Das Motto des  Zeltlagers ist dieses Jahr „Mittelalter“ und deshalb beinhaltet das Programm Ausflüge zu Katakomben in Bayreuth, zum Freilandmuseum Grassemann und zur Burg Pottenstein. Auch Theater- und Gipsmaskenworkshops, eine Nachtwanderung und natürlich gemeinsames Singen am Lagerfeuer sind geplant.

Gruppe für Gruppe zieht um

Damit es beim spontanen Umzug nicht zum Chaos kommt, fordern Kerstin und Christoph die Kinder erst einmal auf, ihre bereits ausgepackten Sachen in die Koffer und Taschen zurückzupacken. Nur das Geschirr zum Essen sollen sie zur Zeltlagerbesprechung mitbringen. Dort erklären Christoph und Kerstin die Regeln; denn wo mehr als 150 Kinder und Betreuer für eine ganze Woche zusammen sind, müssen bestimmte Vereinbarungen getroffen werden. Währenddessen packen Helfer das Gepäck der Kinder ein und bringen es in die einen Kilometer entfernte Halle.

Die Kinder werden nach dem Abendessen mit Kleinbussen des Münchner Roten Kreuzes in die Mehrzweckhalle gebracht, Gruppe für Gruppe, damit keiner verloren geht und nicht alle gleichzeitig ihr Gepäck suchen. Einige Kinder sehen es gelassen: „Ich war nun drei mal dabei und zwei mal mussten wir umziehen. Das ist irgendwie auch voll cool!“, quietscht Thomas (12) vergnügt im Shuttle-Auto.

Anja (20) ist seit dem ersten Zeltlager dabei, seit letztem Jahr im Orgateam.

Gut zwei Stunden dauert es, bis alle Kinder dort sind, ihre Sachen gefunden und ihre Isomatten und Schlafsäcke ausgebreitet haben. Die Halle gleicht zum Schluss einem großen Matratzenlager, selbst die Bühne und die Galerie dienen als Schlafplatz. Damit die gute Stimmung nicht kippt, nimmt Anja die Sache in die Hand und singt mit den Kindern ein Lied. In einer Turnhalle und mit 100 Kindern gar nicht so einfach, aber die 20jährige Studentin hat alles im Griff. Sie ist schon seit dem ersten Zeltlager 2001 dabei, zunächst als Teilnehmerin, später als Gruppenbetreuerin und seit letztem Jahr im Organisationsteam. Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie ehrenamtliche Rotkreuzlerin und leitet heute eine eigene Jugendgruppe in der Bereitschaft Aubing. Das Zeltlager macht ihr sichtlich Spaß. „Sonst würde ich‘s nicht machen“, lacht Anja. „Wir sind eine richtige Clique geworden, auf die ich mich das ganze Jahr freue“, gibt sie zu. Weil das Zeltlager über die Jahre Station in ganz Bayern machte, ist auch das Helfer- und Betreuerteam inzwischen bunt zusammengewürfelt.

„Duschst Du auch mit Kopftuch?“ Solche Fragen ist Hatice, 21 Jahre, eigentlich nicht gewohnt. Die gläubige Muslimin aus Burgkirchen ist voll integriert. Obwohl Bekannte und Verwandte wegen der Kopftuchdebatte Bedenken hatten, als sie sich entschied, an die Fachakademie für Sozialpädagogik zu gehen und Erzieherin zu werden, hat sie mit der Ausübung ihrer Religion nie Probleme gehabt.  Im vierten Studienjahr müssen Absolventen ein Praktikum in den Sommerferien nachweisen, am besten mit Übernachtung. Als Christoph an der Fachakademie das Zeltlager vorstellte und Betreuer suchte, reizte es Hatice, in einem Zeltlager zu arbeiten. Aber nun sitzt sie erst einmal in der Turnhalle und malt mit den sechs Mädels zwischen acht und elf Jahren aus „ihrem“ Zelt ein Wappen - passend zum Mittelaltermotto, versteht sich. „Ich finde die Gruppendynamik spannend. Wir in Zelt drei müssen uns alle erst kennenlernen“.

Erleben des sozialen Zusammenhaltes

Denn auch das gehört zum Konzept des Zeltlagers. Die Kinder werden einzeln angemeldet und auf die Zelte verteilt, es sei denn, sie wollen unbedingt zusammen sein und sind im selben Alter. Nicht nur Rotkreuzler melden sich an, auch Freunde oder Bekannte sollen die Möglichkeit haben, eine schöne Woche zu erleben. Vielleicht fühlt sich der eine oder die andere ja in der Rotkreuzfamilie so wohl, dass er dabei bleibt. „Wir sehen die Veranstaltung schon auch als Mitgliederwerbung, im Vordergrund stehen aber das Erlebnis in der Gruppe und der soziale Zusammenhalt“, sagt Christoph abends oben am Zeltplatz. Dort herrscht eine gespenstische Stimmung. Die 16 Zelte stehen einsam im Nebel und Nieselregen, nur die Nachtwache und die Küchencrew sitzen noch mit Christoph zusammen, planen den nächsten Tag und lachen über den turbulenten Start.

Ein Heidenspaß: Zelten in der Turnhalle

Damit es auch in der Halle ruhig wird, müssen Kerstin, Anja und Michael die Meute schlafen schicken. Als alle Wappen gemalt und alle Kinder in ihre Schlafsäcke gekrabbelt sind, hat Maxi seinen großen Auftritt. Er liest eine Grusel-Gutenachtgeschichte vor, anschließend ist Nachtruhe.

„Ich hoffe wirklich, dass morgen das Wetter besser wird und wir die Kinder wieder ins Zeltlager umziehen lassen können“, hofft Christoph, bevor auch er und seine Crew nach einem aufregenden Tag ins Bett fallen. Schließlich muss das Küchenteam spätestens um sechs Uhr morgens damit beginnen, das Frühstück für die Kinder herzurichten.

Jedes Zelt bekommt ein eigenes Wappen.

Eigentlich wollte Christoph ja 2010 mit dem Zeltlager aufhören. Weil aber sein Team ihn darum bat und er sogar Briefe seiner kleinen Fans bekam, die sich schon auf das Zeltlager freuten, ließ er sich überreden. Jedes Wochenende war er in den letzten zwei Monaten für dieses Projekt unterwegs, bereut hat er die Entscheidung nicht. „Du wirst jedes Jahr ein bisschen größer, wenn die Kinder nach einer Woche wieder heimfahren und sich kaum von ihren Betreuern trennen können“ lacht Christoph zum Abschied.

Mehr erfahren...

Weitere Informationen zum Jugendzeltlager finden Sie hier. Zudem haben wir eine Bildergalerie mit den Fotos angelegt, die während dieser Reportage entstanden.